Dada und andere Übertreibungen
Herbert Schirmer 2010

Theo Böttgers Kunst ist malerisch, sinnlich und von expressiver Vehemenz. Traditionelles mischt sich mit Modernem, Akademisches mit Aktuellem, Feierlichkeit mit Profanität, Ernst mit Ironie.
Einerseits Schauplatz enthemmter malerischer Aktionen, andererseits ein Zusammengehen von Gedanklichem und Sinnlichem, entlädt sich die volle Dynamik eines künstlerischen Temperamentes, das sich über spontane Gesten mitteilt. Zwischen unverstellten Erlebnissen vor Ort und der kürzesten Verbindung zum eigenen Befinden entwickelt sich bei ihm eine produktive Grenzsituation, in der die soziale Psyche mit dem subjektiv-existenzbetonten Gestaltungsansatz gemeinsame Sache macht.
An dieser Schnittstelle hat er vorerst dauerhaft die geistig-künstlerischen Koordinaten seines schöpferischen Tuns angesiedelt. Und er hat eine formale Struktur geschaffen, die allen tradierten Vorstellungen von Komposition zuwiderläuft. Weil die einzelnen Elemente keinem einheitlich waltenden Formprinzip mehr unterworfen sind, entsteht eine kompositorische Offenheit, in der das Destruktive die Suche nach bildnerischer Ausgeglichenheit und Harmonie verdrängt.
Der Raum ist in abstrakte Flächen aufgeteilt, die Bildfläche ist reich inszeniert und koloriert und dank der Fülle von Formen und Farben von übersteigertem Ausdrucksgehalt. In diesem Spannungsfeld entstehen seine zeit- und welthaltigen Kunstwerke, die durch ihr von Innen nach Außen drängendes divergierendes Kräfteverhältnis zum Bild werden.
Schließlich muss alles raus, was an Formvorstellungen in ihm ist. Der Zustand zwischen selbst gesetzten Regeln und spontanem Agieren, der sich als ausgelebter Impuls auf der Leinwand ebenso wieder findet wie in der rhythmischen Gliederung der Bildräume, entlädt seine Kraft in kontrastreiche Farbfelder von spontaner Direktheit und Frische, die zudem erstaunliche psychische Energie zutage fördern.

Von der viel beschworenen Erschöpfung der Malerei kann bei Theo Böttger also keine Rede sein, eher von einer Fortsetzung mit anderen Mitteln. Hier wird gewissermaßen vom Tafelbild ausgehend der Raum okkupiert. Die Koexistenz der Medien, das Infragestellen konventioneller ästhetischer Qualitäten durch kontrollierte Wut, anarchischen Humor und intellektuelle Strenge, zwingt den Betrachter zu verschiedenen Sinnes- und Denkoperationen, zumal er auf beunruhigende Weise und auf mehreren Ebenen angesprochen wird, sich dem an Widersprüchen reichen Kräftespiel einer Realität zu stellen, die dank komischer und erschreckender Übertreibungen und ungewöhnlicher Materialkombinationen mit voller Absicht disparate Bilder entstehen lässt.
Es sind kontroverse, in ihrer dicht gedrängten Verräumlichung verstörende Darstellungen, die von narrativen wie klaustrophobischen Elementen gleichermaßen besetzt sind. Diese überquellenden Darstellungen, in denen alle Facetten des Finalen durchgespielt werden und die ganz eigenen ästhetischen Ansprüchen genügen, bergen als avantgardistisches Laboratorium des Zweifels und der Entfremdung alle Chancen, zu wichtigen Haltepunkten auf dem Weg zum Erhabenen von Morgen zu werden.
Die Rigorosität der Eingriffe Theo Böttgers in bestehende Räume spricht für die Konsequenz seines Anliegens und die Gegenwartsbezogenheit seiner Einmischung. Mit seinen konzeptuellen Arbeiten zielt er auf jene Kräfte und Mechanismen des gesellschaftlichen und kulturellen Systems, die das Funktionieren des gegenwärtigen Spätkapitalismus und die daraus entstehenden Konfliktsituationen in Bewegung halten. Daraus entwickelt er seine Strategien der Verbildlichung, in der allgemeine Wahrnehmung der Welt, kollektive Verbindlichkeit und Komplexität der eigenen Denkoperationen zusammenfließen und in bildhaften Entsprechungen synthetisiert werden.
Diese werden zur Projektionsfläche, die teilweise apokalyptische Züge aufweist.
Und weil Theo Böttger geradezu seismografisch auf zeithistorische Zwänge registriert und auf diese mit gesellschaftskritischem Engagements reagiert, lesen sich die Bilder zudem als Stellungnahmen im Sinne einer ernsthaften Zeitzeugenschaft.

Die an Dada-Manifestationen erinnernden und das Verhältnis von Wirklichkeit und Kunstwelt definierenden Collageformen potenzieren die aggressiven Aussagen, die sich mit vibrierenden Strukturen zu einer bedrängenden Bildwelt entwickeln, vor der es kein Zurückweichen gibt.
Man wird an Max Ernst erinnert, der seinerzeit mit sinnwidrig kombinierten Elementen operierte und schockierende, in ihrer Irrealität und durch keinerlei Emotionalität gefilterte Nüchternheit interventionistische Angriffe auf die Sehgewohnheiten der Betrachter startete, um sie vor allzu optimistischen Intonationen zu bewahren.

Mit dem ikonografischen Mix aus Malerei, Objekt, Skulptur, Comic, Schrift, Zeichnung, mit dokumentarischen Notaten sowie der Amalgamierung von Werbetopoi und Metaphern des Cyberspace wird die vieldeutige Auseinandersetzung zum raumgreifenden politisch-künstlerischem Statement, in das individuelle wie kollektive Erfahrung gleichermaßen eingehen.
Man könnte auch sagen, Theo Böttger bringt sich mit großer Unmittelbarkeit in die variantenreichen Spiele der dem innerem und äußerem Druck ausgesetzten menschlichen Existenz ein.
Er operiert mit Befindlichkeiten und Emotionen an der Schnittstelle von persönlichem und sozialem Raum und konzentriert sich darauf, radikale Aussagen und Kommentare zu gesellschaftlichen Zuständen mit alttestamentarischer Wucht bewusst zu machen und zugleich mit substantiellen Äußerungen den individuellen Rahmen zu überwinden. Dabei offenbart die Intensität seiner Beschäftigung mit der Daseinsproblematik im urbanen Raum eine Obsessivität, die zeigt, wie groß die Spannweite der Variationen innerhalb dieser Thematik ist.

Nur in der Kunst ist es möglich, solche Kontradiktionen zusammenzuführen, eine konzeptuelle Textur zu bilden, in der jedes einzelne Bild oder Objekt sich behauptet, auch wenn der gesamte, antagonistisch gefüllte Bildraum vor dem Hintergrund persönlicher Erlebnisse und Erfahrungshorizonte zu individuellen Mythologien verschmilzt.

Subversive Wirklichkeit
Holger Peter Saupe 2010

Theo Boettger ist Maler, Zeichner und Musiker, ein Künstler also, der in verschiedenen Kunstsparten agiert, der großformatige Zeichnungen und Leinwände bearbeitet, aber ebenso auch raumgreifende Installationen sowie in Kooperation mit tsaworks schrill-dynamische Soundperformances arrangiert. Diese Aufführungen sind eine Mischung aus Bildprojektion, Post Punk, IDM- und Experimental-Sounds und weisen durch deren Fragmentierungs- und Überlagerungsprinzip in formalästhetischer Hinsicht auch starke Berührungspunkte und Parallelen zu seiner bildkünstlerischen Arbeit auf.

Boettgers Kunst ist laut und unangepasst, farbintensiv und kraftvoll, wirkt provokativ und beunruhigend. Seine aus gegenständlich-figürlichen wie abstrakten Elementen bestehende und sich expressiv gebärdende Malerei, die er zudem mit grafischen Zeichen und Symbolen, Wörtern, verknappten Schriftpassagen oder Werbeslogans bereichert hat, steht in verblüffender Geistesverwandtschaft zur Kunst des legendären New Yorker Künstlerstars Jean-Michel Basquiat. Dessen ungestüme Kunst speiste sich aus Inspirationsquellen wie der Kunst- und Kulturgeschichte, den Massenmedien, der Comic- und Werbewelt und den persönlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen seiner Zeit, derer sich Boettger ebenfalls bedient.
Der im sächsischen Meißen geborene, im brandenburgischen Finsterwalde aufgewachsene und mittlerweile in Berlin lebende Künstler hat an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden studiert und will insbesondere auch die anregende Traditionslinie expressiver Malerei eines A.R.Penck und Strawalde in seiner Kunst nicht verleugnen.
Selbstbewusst und unvoreingenommen hat er sich mit den vielfältigen Erscheinungen der internationalen Kunstentwicklung auseinander gesetzt und seine Bild- und Formensprache aus der Bandbreite von Expressionismus, Art Brut, Neo-Dada, Street Art und Graffiti-Kultur generiert.

Theo Boettger ist ein wacher und kritischer Beobachter, der am politischen Zeitgeschehen, den globalen Vernetzungen und vor allem auch an den kommunikativen Formen der Gesellschaft interessiert ist. In seiner Kunst setzt er sich mit den Menschen und ihren Verhältnissen auseinander und thematisiert die Schieflagen sozialer Phänomene, Wertzuwächse, Entfremdung und Vereinsamung, Abgründe, Fallstricke und Verwerfungen des modernen Lebens, aber auch den gewöhnlichen Alltag sowie Ordnung und das Chaos in und um uns.

Die Bildwelt von Theo Boettger zeigt keine Sehnsuchtsorte, Großstadtidyllen oder Naturausschnitte, sondern seine Szenerien erregen eher Unbehagen und führen uns gesampelte Bildtableaus vor Augen, in denen er vielfältige Wahrnehmungen und Beobachtungen verarbeitet.
So können beispielsweise Graffiti an der U-Bahn, die spontanen Kritzeleien an Häuserfassaden, lose Reklameblätter, Medieninformationen oder Demonstrationslosungen Eingang in seine Bildwelt finden. Wenn sie mitunter auch ohne unmittelbaren Bedeutungszusammenhang gegen- oder nebeneinander gestellt erscheinen, wird durch diese Realitätsfragmente die unverwechselbare Zeitnähe artikuliert.

In jüngeren Arbeiten zeigt sich, dass Boettger seine expressiv gestische, meist im pastosen Farbauftrag formulierte Malerei gemildert und ein pseudo-naives Bildvokabular aus malerischen und zeichnerischen Elementen entwickelt hat. Sucht (2009) behandelt einen Drogen-Deal, der sich auf freiem Platz vor einer Reihe monotoner Siedlungshäuser mit abgewertetem Qualitätsstandard (B) ereignet. Von der anonymen Handreichung kommt vermutlich das gefährliche Drogenmaterial in Umlauf. Durch die unheilvolle Polarisierung zwischen Geld, Gier und Gewinn, Rausch, Ekstase und Tod entfaltet sich die Szenerie der jämmerlichen Gestalten zu einer eigenwilligen Memento-Mori-Darstellung.

Die auf der Bildfläche eingebrachten skripturalen Elemente können gedankliche Fährten zum Verständnis des Bildes legen. In Information (2010) ist eine archaisch anmutende Gestalt mit brennenden Augen, die sich selbst in endlosen bedeutungslosen Verlautbarungen verstrickt, von zahlreichen Informationen umgeben, deren Bedeutsamkeit oder Nichtigkeit in der Überfülle kaum noch zu differenzieren sind. Unknown (2010) thematisiert die Problematik zwischen realer und virtueller Welt, das leichtfertige Spiel mit selbst geschaffenen Identitäten im world wide web, wo die Charaktere frei wählbar und beliebig austauschbar sind und sich verlässliche Konturen immer weiter verwaschen.

In seinen plastischen Arbeiten und raumgreifenden Installationen findet eine primitive und bisweilen rohe Materialität Verwendung. Seine Installationen kreiert er aus verbrauchten Alltagsgegenständen, Verpackungen, Papier, Kartonagen, Farbe oder Müll, die er mit gezieltem Kalkül zusammenfügt und so den Rudimenten der Wegwerf- und Überflussgesellschaft einen neuen künstlerischen Sinnzusammenhang verleiht.
Boettgers Installationen sind meist bis zum Bersten mit bildkünstlerischen Elementen angefüllt und bringen aggressives Potential zum vibrieren. Wie in der raumbildenden Arbeit der Redner (2009), der sich vor einer überbordenden Kulisse aus Text- und Satzfragmenten unverrückbar mit kämpferischer Geste spreizt. Hier werden Worte zu demonstrativen Botschaften, die Vorstellungen, Forderungen, Stimmungslagen oder Ängste spiegeln.
In Capture the Flag (2010) hingegen, begegnet man einer Plattform, die sowohl in Anlehnung an die Realität des traditionellen strategischen Geländespiels als auch an den gleichnamigen virtuellen Modus verstanden werden kann, der mit zu den populärsten teamorientierten Computerspielen im Ego-Shooter-Bereich gehört. Die Konfrontation des eigenwilligen von einem „Blauhelm“ besetzten Panzer-Gebildes, mit dem gegnerischen Kanonenturm, der durch seine betonte Statuarik Assoziationen an die Freiheitsstatue nahe bringt, lassen unweigerlich aktuelle weltpolitische Bezüge und die Frage nach gut und böse, gerechte und ungerechte Kämpfe aufscheinen. Boettger bezieht sich im übertragenen Sinne hier auf das Ambivalente von Spiel und Realität, auf das abenteuerliche Manöver der Krieger, mit Siegern und Verlierern, das den Ernstfall im Spiel lediglich simuliert und die eigentliche Dramatik von Chaos, Zerstörung und Tod ausblendet.

Der bedeutende Geraer Künstlersohn und sozialkritische Realist Otto Dix wollte in seiner Kunst „erschlagend zeitnah“ sein und war stets bemüht, mit seinen Bildern zur „Sinngebung unserer Zeit zu gelangen“. Das Malen war für Dix „ein Versuch, Ordnung zu schaffen.“ Und in diesem Sinne kommen sich beide Künstler erstaunlich nah.

Subversive Reality

Theo Boettger paints and draws, and he is also a musician: an artist, therefore, who practises in various artistic genres, working on large-format drawings and canvases but also on space-consuming installations, as well as arranging jarring, dynamic sound performances in cooperation with tsaworks. These performances are a combination of image projection, post punk, IDM and experimental sounds; due to their principle of fragmentation and overlapping, they demonstrate pronounced formal and aesthetic correspondences and parallels to his visual art work.

Boettger’s art is loud and non-conformist, intensely colourful and powerful, provocative and disquieting in its effect. His vividly expressive painting, which consists of representative-figurative and abstract elements – further supplemented by graphic signs and symbols, words, shortened passages of writing or advertising slogans – displays an astonishing affinity to the work of the legendary artist-star Jean-Michel Basquiat of New York. Just as Boettger does, the latter’s impulsive art made use of sources of inspiration such as art and cultural history, the mass media, the world of comics and advertising, and the personal and social conditions of his era.
Born in Meißen in Saxony, the artist grew up in Finsterwalde in Brandenburg and now lives in Berlin. He studied at the College of Fine Arts in Dresden and would be one of the first to admit that the tradition of expressive painting as pursued by A.R.Penck and Strawalde, for example, represents a continued stimulus to his art.
He probed the diverse manifestations of international art and its development self-confidently and without bias, subsequently generating his own visual and formal language from the wide spectrum of Expressionism, Art Brut, Neo-Dada, Street Art and graffiti culture.

Theo Boettger is an alert, critical observer with an interest in contemporary political affairs, global networks, and above all in forms of social communication. He uses his art to examine his fellow human beings and their interrelations and to highlight the disorder of social phenomena, capital gains, alienation and isolation, the rifts, pitfalls and failings of modern life, but also everyday phenomena and order, and the chaos in and around us.

Theo Boettger’s pictorial world does not show places of yearning, big-city idylls or segments of nature; his scenarios trigger unease and present us with sampled tableaux in which he deals with a wide spectrum of perceptions and observations. Graffiti covering an underground train, spontaneous scribbles on house facades, loose advertising sheets, media information or demonstration slogans may all find their way into his pictorial cosmos. Even though occasionally they seem to be arranged beside or opposite each other with no direct contexts of meaning, these fragments of reality articulate an unmistakeable contemporariness.

In recent works it is obvious that Boettger has moderated his expressive-dynamic painting, which was implemented as a rule using thick pastose paint, and has developed a pseudo-naïve pictorial vocabulary comprising painterly and graphic elements. Sucht (Addiction, 2009) involves a drug deal that takes place in a public square in front of a row of monotonous housing-estate buildings of devaluated quality (B). The anonymous handout presumably results in the circulation of dangerous drugs. This ill-omened polarisation of money, greed and profit, intoxication, ecstasy and death causes the scenario of pitiful figures to unfold into an idiosyncratic visual memento mori.

Elements of script incorporated into the image may provide clues to a better understanding of the paintings. In Information (2010) a seemingly archaic figure with burning eyes, entrapping himself with endless meaningless announcements, is surrounded by innumerable items of information, the significance or inconsequence of which is hardly discernible amidst such overabundance. Unknown (2010) examines the problematic sphere between the real and the virtual world; the frivolous game with self-created identities in the world wide web, where characters can be selected freely and altered arbitrarily, and dependable contours are becoming less and less distinct.

In his plastic works and space-consuming installations, Boettger makes use of a primitive and occasionally raw materiality. He creates his installations from used everyday objects, packaging, paper, cardboard boxes, paints or refuse, which he assembles with deliberate calculation, thus lending a new artistic context of meaning to the remains of our throwaway, affluent society.
Boettger’s installations are usually bursting with visual artistic elements and they energise aggressive potential. This is certainly true of the space-creating work, Redner (Speaker, 2009), an immovable figure in a pugnacious pose astride an excessive backdrop of text and sentence fragments.
Here, words become demonstrative messages reflecting ideas, demands, moods or fears.
By contrast, in Capture the Flag (2010) we encounter a platform which may be understood as an echo of both the real, traditional strategic wide game and the virtual game of the same name, which is one of the most popular team-oriented computer shooter games. The confrontation between the tank-construction idiosyncratically manned by a “Blue Helmet” and the opponent’s cannon tower, which suggests associations with the Statue of Liberty with its accentuated statuary presence, inevitably culminates in references to current world politics and the question of good and evil, or just and unjust wars. In a figurative sense, here Boettger refers to the ambivalent in games and reality, to the adventurous manoeuvres of the fighters with victors and losers, which merely simulate an emergency in the game and so blot out the actual drama of chaos, destruction and death.

The prominent Gera-born artist and sociocritical realist Otto Dix intended his art as “strikingly contemporary” and made every effort to “arrive at the meaning of our age” through his paintings.
For Dix, painting was “an attempt to create order.” And in this sense the two artists demonstrate a close kinship.

Ganz im Ernst
Johannes Schmidt 2006

Dunkle gesichtslose Gestalten, ein schreiender Säugling im Kinderwagen, Firmenlogos von Billigmärkten, Schlipsträger, zornige Tätowierte, Zombies mit faltigen Gesichtern und leeren Augenhöhlen, Strauchelnde, Fallende, Abgedrängte, bröckelnde Häuser, Wortfetzen, Personenfragmente, viel Schwarz und wenig Farbe – Theo Boettger entwirft in seinen großformatigen Aquarellen ein Pandämonium des modernen Lebens am Abgrund.
Er wendet sich als Künstler Themen des Alltags zu, indem er gegen die zermürbenden Details sozialer Schräglagen, medialer Zumutungen und hoffnungsloser menschlicher Schicksalslagen an-malt.
Mit seinen Bildthemen behandelt er das Ausgegrenzte, das am Rande balanciert, am Rande zum Scheitern, zum Verzweifeln und zum Explodieren. Ins Geschehen hineincollagierte schwarze Löcher und Spiralformen, schwarzes Bersten aus heftigen Pinselhieben und chaotische Kompositionen simultaner Handlungen geben den aus der Realität entlehnten realistischen Bildelementen eine gesteigerte Intensität.
Der Künstler scheut vor banalen Beschreibungen im Bild und bricht seine erzählerischen Ansätze mit Symbolen und kommentierenden Wortfetzen, wie um durch die zum Entziffern nötige Zeit die Betrachtung zu verlangsamen. Denn: da steht prinzipiell nichts geschrieben, was nicht auch zu sehen wäre. Wo Leute agieren wie die Schwarz-weiß-Charaktere einer Comic-Story, kann man das Eine für das Andere nehmen, werden die Sprechblasengeschichten zu einer gleichberechtigten Realität, an der sich bildkünstlerische Formfindung entzündet.

Verschlüsselung bedeutet bei Theo Boettger nicht, Fakten zu bemänteln.
Auch wenn manche Handlungsabläufe nur fragmentarisch wiedergegeben werden, eine Stimmung grimmiger Kritik bleibt durch alle Filter künstlerischer Verfremdung hindurch immer deutlich. Distanz und Identifikation scheinen als ebenbürtige Gegner in heftigem Ringen miteinander erstarrt zu sein. Der Künstler gönnt sich nicht den Abstand des kühlen Analytikers und liefert auch keine sozialkritischen Bestandsaufnahmen auf dem geraden Weg. Ihre Klarheit beziehen seine Bilder aus der Aktualität ihrer Themen und aus ihrer tiefen Ernsthaftigkeit, wenn diese auch mitunter in hoffnungslose Düsternis umschlägt. In seinen Aquarellen nutzt Theo Boettger bewusst nur einen Bruchteil der Möglichkeiten des Mediums aus – die Farbigkeit ist auf wenige Primärtöne reduziert, es gibt keine dekorativen Verwischungen oder fließenden Farbverläufe.
Einfachheit der Form ist das Ziel, formale Unruhe entspricht authentischer Beunruhigung.
Die Arbeitsspuren – Wellen und Verwerfungen von reichlich Feuchtigkeit, Farbnasen und schwarze Auslöschungen – zeugen von der Heftigkeit des Entstehungsprozesses und erscheinen wie Schändungsmale auf dem einst weißen Papier. Hier hallt mehr nach als formale Koketterie mit dem Brachialen, mit der Heftigkeit und mit dem Aufrührerischen. Die eingestreuten Worte weisen den Weg einer diffusen gedanklichen Marschrichtung, doch es bleibt bei Andeutungen, die so auch nicht in Gefahr geraten, zu Parolen zu gerinnen. Wie Echos verweisen sie auf das Fragmentarische moderner Zeichenwelten.

Künstlerische Auseinandersetzungen mit der akuten gesellschaftlichen Situation anhand von Straßenbeobachtungen haben eine reiche historische Tradition. Deren Höhepunkt markiert wohl die Großstadtmalerei des Expressionismus und des kritischen Realismus der 1920er Jahre, die den Spannungsbogen ihrer Bilderzählungen oft aus der Gegenüberstellung von Arm und Reich, von scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten des Amüsements und der Melancholie des Einzelnen in der Menge bezog. Theo Boettgers Bilder sind alldem womöglich thematisch vergleichbar, doch fehlt ihnen die »lichte Seite« nahezu ganz, wie als hätte man der Metropolis die strahlenden Fassaden abgenommen und es bliebe nur konturloser menschlicher Sumpf in ihren Gedärmen übrig.
Der Künstler wendet sein Interesse den abgedunkelten Bereichen zu, dem Splatter-Szenario des Alltäglichen, doch er tut dies nicht minutiös beschreibend und statistisch versachlicht.
Er spricht vielmehr bildlich die Sprache dessen, was er darstellt, ist ruppig, sarkastisch und doch nicht distanziert.

Deadly Serious

Dark, faceless figures, a bawling infant in a stroller, the company logos of cheap discount stores, banker types, angry people with tattoos, zombies with wrinkled faces and empty eye sockets, strumbling people, falling people, people swept away, crumbling houses, shreds of words, fragments of of people, lots of black and little colour – Theo Boettger creates a pandemonium of modern life on the brink of the abyss in his large-format watercolours. As an artist, he deals with topics in everyday life by pitting himself against the demoralising details of social inequities, the impertinence of the media, and the hopeless human fates.
In his pictures, he adresses exclusion, life balanced in the margins and condemned there to desperation, explosion, and failure. Black holes and spiral forms that have been incorporated into the collage, bursts of black colour emanating from fierce brush strokes, chaotic compositions of simultaneous actions – all of these endow the realistic elementsin the images with even greater intensity.
The artist eschews banal descriptions in his images, interrupting his narratives with symbols and commentaries comprised of word fragments, as if to slow down the viewer`s observations by requiring a large amount of time for decoding. For there is, in principle, nothing written in these paintings that could not also be seen. Where peolpe act like the black and white characters in a comic strip, one personcan be exchanged for the other; the stories in the speech bubbles become a parallel reality that functions as a spark for the painterly discovery of form.
For Theo Boettger, codification does not mean disguising facts. Even though many story sequences are given only in fragments, a mood of grim critique always pierces though all filters of artistic alienation. Distance and identification seem to have congealed into a constant state of fierce struggle with one another.The artist does not allow himself the cool distance of an analyst, nor does he deliver a plain and simple sociocritical evaluation of the situation. His images derive their clarity from the topicality of their subjectsmand their deep seriousness, even though this seriousness also overflows, now and then into hopeless gloom. Theo Boettger takes advantage of only a fraction of the potential of the medium in his watercolours, but he does so intentionally, reducing his works to a few primary tones without any decorative smears or flowing colour gradients.
Simplicity of form is the goal; formal disquientude corresponds to an authentic sense of agitation.
The remnants of the artist`s presence in the paintings – moist waves and blemishes, drips of paint, black blots – attest to the intensity of the process of creation and appear as marks of desecration on the once – white paper. There is more than formal coquetry with brutishness, fury ,and rebelliousness resonating in these paintings. Indeed, the interspersed words outline the path of a diffuse, cognitive march; yet they remain mere intimations that never run the risk of congealing into slogans.
Like echoes, these words refer back to the fragmentary nature of modern worlds of signs.
Artistic examinations of acute situations in society by means of street observations have a rich historical tradition. The high point of this tradition was, arguably, the urban painting of Expressionism and Critical Realism in the 1920`s, which often derived the arc of tension in there narratives by juxtaposing the rich and the poor, the seemingly limitless possibilities for amusement in the city and the melancholy of the individual in the crowd. It is possible to draw a direct comparison between Theo Boettger`s paintings and these traditions. Nevertheless, these works are missing the “lighter side” almost completely, as if one had taken down all of the radiant facades of the city, leaving hehind only the featureless quagmire of humanity in its bowels.
The artist turns his attention to the darkened realms, the splatter scene that is everyday existence. Yet he does not do so with meticulous descriptions and objective statistics. Rather, he uses images to speak the language of what he represents. Boettger is gruff and sarcastic, but never distant.